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1.9.2026 Klarheit und Milde – Nachsommer
1. Klarheit und Milde – Nachsommer
1. Adalbert Stifter, Der Nachsommer
2. Ein Gewitter kündigt sich an. Warme und kalte Luft treffen aufeinander, widersprüchliche Kräfte beginnen zu wirken. Noch ist es ruhig, doch hat sich etwas wahrnehmbar verändert.
3. Im August hat uns auch titikṣā begleitet, ein Begriff aus der Bhagavad Gita, Vers 2.14: die Fähigkeit, Gegensätzen wie Hitze und Kälte standhaft zu begegnen – ohne uns von ihnen überwältigen zu lassen.
4. In uns können Kräfte gleichzeitig wirken und in unterschiedliche Richtungen ziehen. Ein Ja kann sich bemerkbar machen und ein Nein. Der Wunsch, aufzubrechen und der Wunsch zu bleiben. Nähe und Abstand. Anziehung und Ablehnung.
5. Wir Menschen sind erstaunlich gut darin, aus ein paar inneren Wolken gleich eine Unwetterwarnung zu machen.
6. Nicht immer ergibt sich daraus sofort eine Richtung.
7. In Stifters Nachsommer ist es Heinrich, der Protagonist, der wegen eines vermeintlich heraufziehenden Gewitters vom Weg abweicht. Ein helles Haus auf einem Hügel zieht ihn an; dort will er Schutz suchen.
8. Erst als er näher kommt, entdeckt er die Rosen, die das Haus bedecken.
9. Heinrich ist sicher: Das Gewitter wird kommen.
10. Der Hausherr ist ebenso sicher: Es wird nicht kommen.
11. Beide betrachten denselben Himmel.
12. Der Fremde wird trotzdem eingelassen.
13. Das gefällt mir an dieser Szene mindestens ebenso sehr wie die Frage nach dem Wetter. Da steht ein unbekannter junger Mann vor dem Tor. Der Hausherr beobachtet ihn, widerspricht ihm und öffnet ihm sein Haus. Seine Intuition scheint also positiv zu sein – wir befinden uns schließlich nicht in einer Horrorgeschichte.
14. Wen lässt du herein? Wen nicht?
15. Woran erkennen wir ein inneres Ja oder ein Nein? Was nennen wir Bauchgefühl – und wie sicher können wir sein, dass wir es richtig verstehen? Wann ist Vorsicht klug, wann verschließt sie uns? Warum fällt uns Vertrauen zu einem Fremden heute meist schwerer? Und warum manchmal nicht?
16. Heinrich bekommt eine Mahlzeit und einen Ort zum Ausruhen. Sein Gastgeber überlässt ihn dann sich selbst.
17. Und Heinrich hat Zeit. Er bekommt sie geschenkt in dieser Situation.
18. Er sitzt in einem ruhigen Zimmer. Die Fenster sind geöffnet. Von draußen hört er die Vögel. Erst nach und nach fällt ihm auf, dass ihr Gesang nicht zu seiner Gewitterprognose passt. Er hört genauer hin.
19. Beobachtet. Wartet.
20. Seine vorige Gewissheit beginnt sich zu verändern.
21. Darin liegt eine Qualität von Meditation und Retreat: nicht sofort zu reagieren, sondern einen inneren – oder auch ganz physischen – Raum entstehen zu lassen oder aufzusuchen, in dem Wahrnehmung wieder genauer werden darf.
22. Nicht unbedingt, um sofort eine Antwort zu finden.
23. Manches Gewitter entlädt sich. Regen fällt, die Luft kühlt ab, Staub wird von Blättern und Blüten gewaschen. Bei Stifter wird aus großer Hitze wieder angenehme Milde, und über den Rosen öffnet sich ein klarer Himmel.
24. Klarheit muss nicht immer Eindeutigkeit sein.
25. Sie kann auch darin liegen, Gegensätzliches wahrzunehmen, ohne eine Seite vorschnell zum Irrtum erklären zu müssen. Ein Ja und ein Nein dürfen gleichzeitig etwas zu sagen haben.
26. Und Milde?
27. Milde nimmt der Klarheit nichts von ihrer Genauigkeit. Sie verändert eher die Art, wie wir auf das schauen, was wir erkennen.
28. Der September kennt dieses feinere Maß.
29. Die Wärme ist noch da, aber ihre herausfordernde Kraft lässt nach. Morgens liegt bereits etwas Kühleres in der Luft. Das Licht verändert sich. Nach einem Regen treten Farben und Konturen deutlicher hervor.
30. Wir müssen nicht zwei Wege gleichzeitig gehen, falls wir es könnten.
31. Aber wir müssen auch nicht in jedem Augenblick schon wissen, welcher Weg der unsere ist.
32. Manchmal hilft es, eine Weile zu bleiben.
33. Zu hören.
34. Zu schauen.
35. Und Zeit vergehen zu lassen.
36. „Die Sterne begannen sachte zu glänzen, die Luft war mild und ruhig und die Rosendüfte
37. zogen zu mir herauf.“
38. Adalbert Stifter, Der Nachsommer
39.
1.9.2026 Klarheit und Milde – Nachsommer
Saskia Rettig-Schmidt
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